#zuvielgefühl Zwiegespräch mit einer Eule

#zuvielgefühl Zwiegespräch mit einer Eule

Es schien wieder einer dieser Tage zu werden, die in diesiger Dunkelheit verschwommen und verzerrt an einem vorbeizogen. Einer dieser Tage, an denen man sich nur zu gern in eine Decke einwickeln und das Bett nicht verlassen wollte, dem Drang selbst mit der größten Mühe nicht widerstehen konnte. Wenn das Leben sich so unendlich schwer anfühlte und der Alltag mit solch einem Druck auf der eigenen Brust lastete, sorgte die schwitzende, fast klebrige Wärme des Bettes dafür, dass der Tag schneller, leichter erträglich an einem vorüberglitt. 

Auch heute hatte sie wieder dieses Gefühl, dass ihr alles über den Kopf wachsen würde, ohne genau zu wissen, was alles eigentlich war. Das Nichts-Wissen in dem Gefühlschaos dieser Tage machte es noch schwerer zu ertragen. Das Suchen nach Ursachen. Die ständigen Fragen nach dem Warum. Warum fiel es ihr so schwer morgens aufzustehen? Warum schmeckte alles so fad und hinterließ ein Gefühl der Übelkeit in ihrem Magen? Warum hatte sie der Antrieb schon verlassen, ohne dass sie auch nur darüber nachgedacht hatte, etwas zu tun? Warum zum Teufel war sie nur so? Hatte ihre eigenen Gefühle nicht im Griff, ja kannte ihre eigenen Gefühle nicht einmal. Wusste nicht, woher ihr Unmut, der tägliche Schwermut rührte und was denn eigentlich auf ihre Seele drückte, so schwer, dass sie es tagelang nicht aus ihrem Bett schaffte. 

Sie stand nun an einem Scheideweg des Tages. Sollte sie dem Drang sich zu verkriechen wieder nachgeben oder es heute endlich besser machen und versuchen den Fluchtgedanken, die sie immer ereilten, wenn sie über die Bewältigung des Alltags nachdachte, entgegenzuwirken. In dieser Woche hatte sie es bisher nur geschafft ihrem Bett für eine kurze Zeit zu entfliehen, wenn sich ihre menschlichen Bedürfnisse oder der Lieferdienst an der Tür gemeldet hatten. 

Kurz entschlossen warf sie ihre Füße aus dem Bett und erhob sich mit Schwung in die Senkrechte. Für einen Moment war sie blind, Blut rauschte in ihren Ohren und ein Schwindelgefühl raste durch ihren Kopf. Das tagelange Liegen hatte dafür gesorgt, dass ihr Kreislauf vergessen hatte, wie er zu funktionieren hatte. Sie hasste dieses Gefühl nicht Herr über den eigenen Körper zu sein. 
Doch die wackeligen Beine verschwanden schnell wieder und schon hatten ihre nackten Füße einen festen Stand auf dem kalten Laminatfußboden ihres Zimmers gefunden. 

Sie begann sich durch die Unordnung ihres Zimmers zu wühlen, um alles Nötige von Stühlen, Fußboden und Bügeln zusammenzusammeln. Es dauerte eine Weile, bis sich ihr Hose, Socken und Schuhe unter Bergen von Pizzakartons und Dönerboxen gezeigt hatten. Das Chaos ihrer kaputten Gefühlswelt erstreckte sich über ihren gesamten Zimmerboden. 
Sie warf sich alles Nötige über, stellte sich schließlich vor ihren großen Spiegel und versuchte eine Ausrede dafür zu finden, die es rechtfertigte die Fortschritte des Tages zu vergessen und sofort wieder unter weichen Stoff zu verschwinden. 

Ihr gespiegeltes Gesicht starrte sie ausdruckslos an, weiße durchscheinende Haut, die ihre Augen hervortreten ließ und den dunklen Schatten unter ihnen einen bläulichen Schimmer verlieh. Sie hatte sich seit Tagen nicht selbst angesehen. Ihre Flucht hatte sich sichtbar gemacht., sie selbst unsichtbarer, irgendwie durchscheinender für die Augen der festen Alltagswelt werden lassen. Die Versuchung des Verschwindens war groß, doch mit einem letzten Blick auf ihr müdes Gesicht riss sie sich von ihrem Spiegelbild los. 

Auf dem Weg zur Tür schnappte sie sich eine Sonnenbrille, um ihre Augen vor und für die grelle Außenwelt zu verbergen. Sie verbarg sich hinter den großen schwarzen Gläsern, zog ihre Haustür mit einem Ruck hinter sich zu und stapfte entschlossen die Treppe hinunter. Sie setzte ihre Schritte energisch voreinander, wollte sich keinen Raum fürs Zögern geben. Jede Sekunde hätte sie ein Stück ihrer gesammelten Motivation gekostet, das wusste sie. 

Als sie durch die Tür auf die Straße trat, traf sie die Außenwelt wie ein Schlag ins Gesicht. Autos und Straßenbahnen verursachten einen kaum ertragbaren Lärm und die Menschen, die sich geschäftig auf dem Fußweg an ihr vorbei drängelten, hinterließen ein beißendes Unbehagen. Ein Kind, was wenige Meter neben ihr an der Hand seiner Mutter stand, weinte, schrie schon fast. Das Verlangen sich die Ohren zuzuhalten und mit wenigen Schritten wieder hinter die Sicherheit ihrer Tür zu verschwinden kochte in ihr hoch. Viel zu lange war sie dem stressigen Tagestrubel fern geblieben. Sie hatte einfach vergessen wie es war, wenn sich Menschentrauben aus einer anhaltenden Bahn nach draußen auf die Straße drängten. Wenn vorbeigleitende Einkaufstüten gegen die eigenen Beine schlugen und genervtes Stöhnen durch die Luft flirrte. 

Sie ballte ihre dünnen Finger zu Fäusten, steckte sie in ihre Jackentaschen und zog die Schultern an, sodass ihr großer Schal ihr Gesicht bis zur Nasenspitze verbarg. Verschleiert entfernte sie sich von murmelnden Menschenmengen und quietschenden Straßenbahnen. Sie schlug den Weg zum Wald ein. Sie musste nur wenige Häuserblocks hinter sich lassen, schon stand sie inmitten dieser dumpfen Ruhe, die jegliche Geräusche von außen zu verschlucken schien. Über ihr warfen die Bäume ihre kahlen Äste zu einem Baldachin und der gefrorene Matsch knisterte unter ihren Füßen, während sie sich immer weiter in die Tiefen des Waldes begab. 

Es war ein kalter Wintertag, doch die Kälte tat ihr gut. Es fühlte sich beinahe so an, als würde die beißende Luft die negativen Gedanken aus ihrem Kopf blasen. 
Sie liebte den Wald. Er half ihr die Augen wieder offen zu halten und die Gedanken zu beschäftigen. Erde und Nadeln trieben ihren Duft durch ihre Nase, knackende Äste und raschelnde Blätter hielten ihre Ohren bei Laune und die Sonne malte durch die Baumkronen leuchtende Formen auf den Waldboden. 

Nach einer Weile, sie wusste nicht genau, wie weit sie gegangen war, entdeckte sie eine Bank, die sie aus unerklärlichen Gründen dazu einlud eine Pause auf ihr zu machen. Vorsichtig ließ sie sich auf das glatte Holz fallen, was an vielen Stellen schon von Moos bewachsen war. Der Wald hatte begonnen sich den Fremdkörper zu eigen zu machen. Sie lehnte sich zurück und schaute ihrem Atem zu, der sich in der kalten Luft zu kleinen Nebelwolken formierte, bevor er schließlich verschwand. Wie neidisch sie doch war auf Atem und Bank, die von ihrer Umwelt verschluckt wurden. Warum nur war es ihr nicht möglich sich wie die Nebenwolken aufzulösen oder Stück für Stück von Moos bewachsen in den Besitz des Waldes überzugehen, wie die Bank es tat. Einfach sitzen bleiben. Mit der Bank verschmelzen und nur noch ein blasser Umriss seiner Selbst sein, nur eine Erinnerung, bis auch die schließlich verschwand. 

Aus ihrem Augenwinkel nahm sie plötzlich eine Bewegung links von ihr wahr. Erschrocken sah sie sich um. Neben ihr auf der Bank, sie hätte ihre Hand nur ein Stück ausstrecken müssen um sie zu berühren, saß eine weiße Eule. Der Schreck, der eben noch durch ihren Körper gefahren war, wandelte sich in Verwunderung. Es war taghell und nur wenige Zentimeter neben ihr saß der Nachtvogel, dessen Antlitz sich nicht vielen Menschen zeigte. Fasziniert konnte sie die Augen nicht von ihm wenden. Sie starrte den Vogel an. Er starrte zurück.

„Hallo Du.“, sagte sie leise. Noch immer sahen die großen Augen der Eule sie durchdringend an. Plötzlich öffnete sie ihren Schnabel.
„Hallo.“, antwortete der Vogel ihr. 
Sie versuchte sich daran zu erinnern, ob es möglich war mit Eulen zu sprechen, doch in diesem Augenblick fühlte sich alles so richtig an, dass es wohl so sein musste.

Neugierig blickte sie den Vogel an. Ihr Gefieder war von einem so leuchtenden Weiß und ihre Augen von so durchdringendem Schwarz, dass es ihr schwerfiel, den Blick nicht abzuwenden. Doch sie wusste, dass dieser Moment verstreichen würde, wenn sie es tat und der Drang ihn zu nutzen war größer als die Anstrengung. 
„Was tust du hier?“, fragte sie und versuchte dem Blick der Eule standzuhalten. 
„Wieso ich? Du bist doch zu mir gekommen.“

War das wirklich ihre Intention gewesen, als sie sich dazu entschlossen hatte, heute hierher zu kommen? Sie wusste es nicht mehr. In ihrem Kopf flirrte es. Ihre Gedanken wimmelten wild durcheinander und rasten durch ihren Kopf. Sie suchte nach etwas. Das Gefühl, dass diese Begegnung einen Zweck hatte, überkam sie und fieberhaft versuchte sie sich zu ordnen. 
„Ich weiß nicht. Was würde ich denn von dir wollen?“ Sie war ratlos.
Die Eule lächelte. „Lass dir ruhig Zeit. Ich muss heute nirgendwo mehr hin.“ 

Obwohl sie noch immer angestrengt ihre Gedanken durchwühlte, ließ sie die Eule nicht aus den Augen, während diese regungslos auf der hölzernen Lehne der Bank saß und ihr beim Denken zusah. Und plötzlich, es waren nur wenige Minuten vergangen, schoss es ihr in den Sinn, so klar, dass sie sich wunderte, dass es ihr nicht schon eher eingefallen war. Offenbar hatte die Ruhe des Waldes ihre negativen Gedanken stillgelegt, sie zum Rückzug in eine weiter entfernte, schwer erreichbare Gegend ihres Kopfes gezwungen. Doch jetzt waren sie wieder da, als wären sie nie weggewesen, drückten mit alter Schwere auf sie und ließen die Worte nur so aus ihrem Mund sprudeln, in der Hoffnung, die Eule würde ihr helfen können. 

„Ich weiß einfach nicht was los mit mir ist. Seit Tagen umschwirren mich negative Gefühle wie ein dichter Nieselregen. Halten mich auf, machen mich schlapp. Ich schaffe es morgens nicht mehr aus dem Bett, liege tagelang einfach nur rum und habe zu nichts Lust. Einfach alles kracht wie eine Welle der Überwältigung auf mich nieder und lässt mich handlungsunfähig zurück. Menschen, Bücher, Musik und sogar Essen. Das Einzige, was sich ertragen lässt, ist der Schlaf, mit dem ich mich irgendwie von Tag zu Tag schleppe und der mich durch all die Stunden bringt, in denen ich meinen verfluchten Gedanken entkommen will.“

Sie holte tief Luft, um sich den nächsten Schwall von der Seele zu reden. Die Eule blickte sie noch immer still an. In ihren schwarzen Augen war kein Mitleid, nur Neugierde, was sie in ihrer Freigabe der Gefühle noch bestärkte. 
„Und nichts, einfach gar nichts kann mich aufmuntern oder mich dazu bringen das Bett zu verlassen. Ich will mich einfach nur unter meiner Bettdecke vergraben und nichts mehr fühlen. Ich bin einfach nur noch müde, weiß nicht mehr, was ich machen soll. Manchmal, wenn es ganz schlimm ist, wünsche ich mir sogar, einfach nicht mehr aufzuwachen.“

Daraufhin folgte schweigen. Sie hatte sich und ihren Kopf leer geredet, endlich einmal alles gesagt, was sonst nie über ihre Lippen wollte. Dinge, die sie keinem Freund anvertrauen konnte und wollte. Wenn solche Gedanken einmal ausgesprochen waren, veränderten sich die Blicke mit denen sie bedacht wurde, die Worte, die an sie gerichtet wurden, ja sogar der Tonfall wurde sanfter, behutsamer. Sie konnte es nicht ertragen, wenn in ihren Blicken Mitleid mitschwang und sie behandelt wurde, als würde sie bei jeder kleinsten Unstimmigkeit zerbrechen. 

Die Eule hatte sie während ihres Monologs unentwegt angesehen, abwartend und aufmerksam und regte sich, nun, da sie sich sicher war, dass kein weiterer Wortschwall mehr folgen würde. 
„Vielleicht willst du das jetzt nicht hören, aber schlechte Zeiten gehen auch wieder vorbei. Manchmal, wenn man gerade so tief in dieser Negativität gefangen ist, dass die Dunkelheit um dich herum besonders dicht und undurchdringbar erscheint, ist es so leicht zu vergessen, wie sich Helligkeit anfühlt. Aber sie ist da und kommt wieder und wird sich nach dieser dir endlos erscheinenden Triste noch wärmer und freundlicher anfühlen, als du es dir jetzt vorstellen kannst.“

Sie sah die Eule mit großen Augen an, erstaunt darüber, wie ein Vogel mit seinen Worten nur so richtigliegen konnte. Sie grübelte einen Moment über das Gesagte nach, immer noch darauf bedacht, den Vogel keine Sekunde aus den Augen zu lassen. Die Angst aus diesem Moment gerissen zu werden, wenn sie die Verbindung des Blickes kappen würde, kribbelte ununterbrochen wie ein lästiger Juckreiz unter ihrer Haut. Denn es gab noch etwas, was die Eule ihr geben konnte, auch wenn sie in diesem Moment noch nicht fassen konnte, was das genau war. 

„Aber was ist, wenn ich das schon weiß. Wenn ich weiß, dass es mir irgendwann wieder bessergehen wird und mir diese schwermütigen Tage dann plötzlich so weit entfernt und unwirklich vorkommen. Was hilft mir jetzt in diesem Moment? Was macht mich wieder wacher und offener für den Alltag?“
Die Eule lächelte sie an.
„Vielleicht musst du einfach mal gesagt bekommen, dass du nicht immer alles so schwernehmen sollst. Dass es ok ist schlechte Gefühle zu haben. Dass du sie auch rauslassen kannst, sogar sollst. Vielleicht möchtest du Gesellschaft, die dich einfach stumm und ohne Worte versteht, damit du dann, gestärkt durch den stummen Zuspruch, wieder aufstehen kannst, bereit die Dunkelheit zu verscheuchen.“

Sie nickte. Sie konnte sich nicht erklären, woher die Eule so genau wusste, was sie brauchte. Das erste Mal seit Tagen lehnte sie sich entspannt zurück, schloss die Augen und dachte an gar nichts. Genoss die Ruhe, die sich in ihrem Kopf ausbreitete, so als hätte die Eule alle Gedanken eingepackt und sicher in einer Kiste verstaut, die sie später, wenn sie bereit war, wieder auspacken konnte. 

Nach einer Weile, sie wusste nicht genau, wie viel Zeit vergangen war, schlug sie die Augen wieder auf. Die Wintersonne war tief an den Rand des Horizontes gesunken, sodass die Bäume, die sie umgaben schon im Dämmerlicht standen. 
Sie blickte zu ihrer linken Seite, sah die Eule an und fragte:
„Werde ich verrückt?“
„Schuhuuu“, kam es aus dem Schnabel des Vogels.
Ungläubig schüttelte sie den Kopf, streichelte der Eule zum Dank über den weiß gefiederten Kopf und stand auf. Auf dem Weg nach Hause, zurück in ihre Wohnung, hatte sie das erste Mal das Gefühl wirklich mit sich im Reinen zu sein. 

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