Ein Tag am Meer

Ein Tag am Meer

Juli 2016

Hier stehe ich nun. Allein, aber nicht einsam. Um mich herum schluckt die Dunkelheit jede Bewegung. Unter meinen Füßen fühle ich den weichen, weißen Sand. Ab und zu schwappt eine Welle über sie und hinterlässt ein kaltes Kribbeln auf der Haut. 

Das Meer verschwimmt mit dem dunklen Horizont und rauscht leise vor sich hin. Ich fühle mich frei und zufrieden. Noch nie hatte ich mich in meinem Leben so glücklich und vollkommen gefühlt wie in diesem Moment.
Ich lasse mich auf die Decke im Sand fallen und versuche zu begreifen, woran das liegt. Ist es das Meer? Oder die salzige, windige Luft, die mich abends im Bett so nach Sommer riechen lässt?
Die Gedanken kreisen wild in meinem Kopf hin und her, während ich die Sterne über mir betrachte.
Irgendwie verhält es sich mit den Gedanken wie mit den Sternen. Sie sind fern, nicht greifbar, bis sie einem durch den Kopf rauschen, wie eine Sternschnuppe. Dann glühen sie kurz auf, sind für einen winzigen Moment hell und leuchtend in der Wirklichkeit verankert, um dann zu verblassen, schnell und flüchtig.

Wieder blitzt es am Himmel, wieder darf ich eine Sternschnuppe wahrnehmen. Ich schließe die Augen und gebe mich meinem Glücksgefühl hin. Noch bis vor ein paar Tagen hätte ich nicht geglaubt, dass ich alleine so glücklich sein kann. Ich hatte nicht geglaubt, dass dieses Glück Wirklichkeit wird, wie die Sternschnuppe, die sich mir eben noch gezeigt hatte. 

Ich denke daran, dass ich das alles hier eigentlich gemeinsam erleben wollte. Gemeinsam den Sand zwischen den Zehen spüren. Gemeinsam in die Sterne schauen. Gemeinsam glücklich sein. Für einen kurzen Moment werde ich wehmütig. 

Dann kommt mir der Gedanke, dass ich vielleicht nur so glücklich bin, weil ich eben nicht gemeinsam hier liege und die Nacht von ihrer schönsten Seite erlebe. Dass das Glück und der Moment davon leben, dass ich sie mit niemandem teilen muss. Sie ganz für mich habe. 

August 2019

Die Dunkelheit schluckt. Sie verschlingt das Meer, den Himmel, den Horizont. Die Linien verschwimmen in der Schwärze.
Ich stehe am Strand. Meine Zehen graben sich in den körnigen Untergrund, meine linke Hand umklammert eine Weinflasche. Ich spüre sie kaum, ganz leicht liegt sie in meinen Fingern. Das meiste ihres Inhalts war während des Sonnenuntergangs durch Mund und Rachen geflossen. 

Benebelt kneife ich meine Augen zusammen, als würde ich versuchen etwas Verborgenes in all der Schwärze vor mir auszumachen. Meine Zähne bearbeiten meine Unterlippe, kauen lose Hautfetzen von ihr los, wie immer, wenn ich nachdachte. 

Erinnerungen durchjagen meinen Kopf. Das Meer weckt das Schlafende in mir, wirbelt brachial durch mein Innerstes und spült dabei Vergrabenes frei. Längst vergangene Gefühle, verstrichene Gedanken und getroffene Entscheidungen erscheinen an der Oberfläche, von rauschenden Wellen nach oben geholt. 

Kühler Wind lässt die Härchen auf meinen Armen stehen. Holt mich aus meinem Kopf in die Gegenwart zurück. Ich streiche mit meiner Hand Strähnen aus meinem Gesicht und denke über mein Jetzt nach, meinen Weg hierher, während meine Augen den grauen Sand unter mir fixieren. Was hatte mich bis hier gebracht?

Ich erinnere mich an Schmerz, der mir so sinnlos vorgekommen war, damals. Erinnere mich an Sackgassen, an Glück, welches sich jetzt so fern meiner Realität anfühlte. Vor meinem geistigen Auge sehe ich meine Vergangenheit, aufgelöst in einzelne Fäden. Manche verlaufen ins Leere, sind entkoppelt von meiner Gegenwart. Andere laufen zusammen, ändern ihre Farbe und sind doch Teil des Musters, in welchem ich gerade mein Leben führe. Ich liebe sie alle, diese Fäden, haben sie mich doch zu meinem Jetzt geführt.

Mein letzter Sommer am Meer ist plötzlich wieder in meinem Kopf und ich greife das Gefühl von damals auf, die Annahme des vollkommenen Glücks, die mich so erfüllt hat. Ich muss über mich selbst Lächeln, während die kribbelnde Wärme aus diesem Sommer plötzlich wieder über meine Haut zuckt.
Vollkommenes Glück.

Gibt es das Vollkommene denn überhaupt? 
Meine Lippe verschwindet erneut zwischen meinen Zähnen, während ich mich dem Gedanken hingebe. Vollkommen. Das Wort fühlt sich riesig an, passt kaum in Kopf und Mund und doch spüre ich es, wie es noch immer durch meinen Körper wandert.
Vielleicht ist das Vollkommene so schwer greifbar, weil es immer wachsen muss, dieses Gefühl, nie vollkommen ist, nie stagniert und sich gleichzeitig doch vollkommen anfühlt. In diesem Moment, damals, heute.

Meine Augen wandern zurück auf das schwarze Meer. Die Dunkelheit ist unergründlich, lässt meinen Blick unendlich tief eintauchen. Ich könnte ewig so weitermachen, schauen, denken, erinnern, doch ich reiße mich los vom Wasser, von meinen Gedanken, löse meine Füße aus ihrer Verschmelzung mit dem Sand und wende mich ab. 

Der Mond taucht den Strand in Grau. Sein Lockenkopf zeichnet sich in der Dunkelheit vor mir ab. Er sitzt da, wie ich ihn verlassen habe, um mit meinen Gedanken und dem Meer alleine zu sein, und sieht mich an. Ich muss grinsen und weiß, dass er es auch tut. Ich lasse mich neben ihm in den Sand fallen, reiche die fast leere Weinflasche an ihn weiter und lehne meinen Kopf an seine Schulter. Mein Jetzt.

2 Kommentare

  1. 23. Dezember 2019 / 20:22

    Schön wie du deine Gedanken niederschreibst. Ich mag den Stil.
    Und das Meer hat auch auf mich immer wieder eine faszinierende Wirkung.

    Ganz liebe Grüße,
    Kim Caroline

    • churelful
      Autor
      29. Dezember 2019 / 12:57

      Hey,
      vielen Dank für deinen lieben Kommentar. Ich freue mich immer, wenn ich Menschen mit meinem Geschreibsel berühren kann.
      Und das Meer ist Immer etwas ganz besonderes, irgendwie aufwühlend und beruhigend gleichzeitig.
      Liebe Grüße 🙂

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