Bankgedanken

Bankgedanken

Die Wolken hingen heute tief. Dunkel und schwer lasteten sie auf dem Tag, drückten alles herunter. Blumen blickten traurig zu Boden, Gras fläzte sich faul auf der Wiese und Blütenpollen bildeten auf dem feuchten Weg einen weißen Teppich. 

Der Tod aller Allergiker. Früher war er auch Allergiker gewesen. Alljährlich, von März bis September, hatte es die Natur seines Körpers ihm verwehrt Dinge zu riechen, zu schmecken oder gar zu sehen, wenn er dieses kribbeln in der Nase nicht täglich mit kleinen Tabletten betäubt hätte. Heute spürte er es nicht mehr, hatte die Zeit seine Übersensibilität beseitigt. 

Es war Sonntag. Gegen neun hatte er das Haus verlassen, weil er die Stille nicht mehr ertragen konnte. Immer wieder sonntags trieb ihn dieses Gefühl auf die Straße, auf die Bank in dem kleinen Park neben der Kirche. Er fühlte sich dann plötzlich so einsam, klein und unbedeutend und so konnte er es nicht lange ertragen an seinem Küchentisch zu sitzen, leerte seine Kaffeetasse zügig und flüchtete.

Jetzt saß er auf der Bank im Park und merkte, dass es auch hier nicht geselliger war. Otto war Langschläfer. Er ließ sich sonntags nie vor 14 Uhr blicken und Sven musste nicht vor Einsamkeit flüchten, durfte nicht flüchten. Seine Frau erlaubte es ihm nicht vor dem Mittagessen hierher zu kommen. 

Früher hatte er das auch gehabt. Ein Mittagessen, Ausschlafen am Sonntag, seine Frau, die immer ein bisschen wehleidig blickte, wenn er sich zu einem Männerausflugaufgemacht hatte. Manchmal, wenn er daran zurückdachte, wurde er wütend, brodelnd und heiß breitete sich diese Energie in seinem Körper aus, stachelte ihn auf. Dann fiel ihm ein, dass Wut nichts brachte. Nichts hatte etwas gebracht. Er hatte nur zusehen können, wie ihm Stück für Stück alles entglitten war, wie irgendwann nichts mehr übrig war, nur das erdrückende Gefühl von Versäumnis und Schuld, welches ihn sonntags nicht mehr schlafen ließ. 

In der Ferne hörte er einen Hund bellen. Vielleicht sollte er sich auch einen Hund zulegen, ihn Holger nennen, wie den Schäferhund seines Vaters damals, der Haus und Hof bewacht hatte. Holger könnte auf ihn aufpassen, seinen Kopf auf seine Beine legen, wenn er sich mal wieder einsam fühlte. Aber seine Wohnung war klein, zu klein für einen Hund, erst recht für einen Schäferhund und überhaupt würde ihn das viel zu sehr einschränken. Futter ist ja auch nicht billig. 

Er schüttelte den Kopf. Was für eine dumme Idee. Er blieb lieber allein, die sicherste Vorsorge wie er meinte. Vorsorge vor Problemen, Streits, Geldmangel, Scheidungen. 

Gut, ein Hund würde sich unmöglich von ihm scheiden lassen können, aber er hatte hoffentlich noch mindestens 20 Jahre vor sich und Hunde wurden unmöglich so alt. Dann müsste er sich wieder an das allein sein gewöhnen, an seine leere Wohnung und die einsamen Sonntage auf dieser Bank hier. 

Der Hund war mittlerweile in sein Sichtfeld gesprungen, schnüffelte am Wegrand, an Bäumen, seiner Bank, sog begierig die Umgebung auf. Eine rote Leine hielt ihn im Zaum, zog ihn sanft von herumliegendem Müll und Unrat weg. 

Das rote Seil verband Hund und Herrchen, führte von Halsband zu einem schmalen Handgelenk. Dünne Finger klammerten sich um den schwarzen Schaumgummigriff eines Kinderwagens, dirigierten gleichzeitig Hund und Kind über den Weg. Die andere Hand hing an einem Mann. Schlaff und willenlos quetschten sich seine Finger durch ihren festen Händedruck, griffen selbst nur halbherzig zu. 

Familien. Er hasste Familien. Nicht Familien per se, aber ihren Anblick, ihre Ausstrahlung in der Öffentlichkeit, die sorgsam nach außen gekehrte Fassade der Fürsorge, des vollkommenen Glücks. Nur an den Händen konnte man es manchmal sehen, wenn die Finger verkrampft in den Hosentaschen steckten. Oder am Mund, an den ärgerlichen Runzelfalten rund um die Oberlippe. Er hatte mit all seinem Frust der Jahre einen Blick dafür bekommen. 

Er nippte an seinem Bier. Der letzte Zug lief durch seinen Mund. Der letzte war immer der schlimmste. Er brauchte unbedingt eine neue Flasche. 

Seine alte Armbanduhr zeigte 11:48. Wenn er sich Zeit ließ, würde er es in einer viertel Stunde zum Kiosk schaffen, pünktlich zur Öffnung, wenn Heiner seine Zeitungsschau auf die Straße stellte. 

Langsam setzte er sich in Bewegung. Er mochte Heiner eigentlich nicht, aber bei ihm gab es Bier und vielleicht schon Bratwurst, wenn er dort ankam. Und mit Heiner reden fühlte sich für ihn im Moment immer noch besser an, als weiterhin allein auf seiner Bank zu sitzen.

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