Aufgebraucht

Aufgebraucht

Es leuchtet hell auf. Ihre Augen huschen routiniert, beinahe gleichgültig über den Bildschirm. Nur dieser eine Moment, die kleine Sekunde bevor sich das Display wieder verdunkelt, reicht, lassen sie verharren und verwundert zurück, immer noch starrend, obwohl das kleine Kästchen, welches ihre Aufmerksamkeit geweckt hat, schon längst wieder hinter der schwarzen Wand verschwunden ist. 

Verwunderung lässt ihre Augenbrauen zunächst nach oben wandern, bevor sie sich zurück auf ihren alten Platz tief über ihren Augen begeben und sich zusammenziehen wie aufziehende Gewitterwolken. Die kleine Falte, die sich dabei auf ihrer Stirn bildet spricht von Ärgernis, schreit schon fast, weil sie das Unabwendbare schon erkennt, bevor sie selbst es tut. 

Doch der Drang ist zu groß. Ein kurzer Griff, zwei kleine Bewegungen auf dem weichen Glas und schon tippen ihre Finger, empören sich für sie auf der kleinen Tastatur. Sie erkennt die Sackgasse, dass ihre Reaktion sinnlos ist, kann sich dennoch nicht wortlos abwenden, zu groß ist die Wut und vielleicht auch ein bisschen die Neugier. 

Sie wählt ihre Worte sorgfältig, netter, als sie es tun sollte. Sie will nicht provozieren, wo sie schließlich weiß was für Gefühle unter der Oberfläche brodeln, die Impulsivität kennt und ihr keinen Raum geben will.  

Ihr eigener Beitrag erscheint im Gesprächsfenster und schon in der ersten Sekunde nach dessen aufploppen, stellt sich ihr die Frage, welchen Stein sie durch ihre Antwort auf seine Unverschämtheit gerade vielleicht losgetreten hat. Lohnt sich das überhaupt?

Ihre eigene Gutherzigkeit schneidet ihr ins Fleisch, müsste sie es doch eigentlich besser wissen. Die Frage nach dem Lohn dürfte sich doch eigentlich nicht stellen. Immerhin haben Zeit und Erfahrung bewiesen, was als Resultat zurückbleibt – Unverständnis und Kopfschütteln über Sinnlosigkeit, Irrationalität und verschwendete Lebenszeit, die man doch so viel besser hätte nutzen können. 

Als Rückfall könnte man es vielleicht bezeichnen oder eine Unverbesserlichkeit, die einen zum Wiederholungstäter werden lässt, indem man sich nicht belehren lässt über unkontrollierte Wut und abhanden gekommene Selbstreflexion. 

Zurück bleibt nur die Enttäuschung über sich selbst, dass man über die offensichtliche Schwäche des Gegenübers schwach geworden ist. Die Hoffnung zuletzt wohl doch nicht aufgegeben hatte. Mühe vergeudet hat. 

Es ist nicht mehr ihre Aufgabe dem verballert verbrauchten Straucheln einen Blick zuzuwenden. Es ist nicht mehr ihre Aufgabe sich diesem Schwall von Sinnlosigkeit hinzugeben, Zeit auf ihn zu verschwenden, sich dieser irrationalen Wut auch nur im Geringsten hinzugeben. Sie lässt es abprallen, hat die Vergangenheit doch jede Chance auf Zuwendung verwirkt. 

Vielleicht hatte sie diese letzte Lehre gebraucht, um zu erkennen, dass sie es schlussendlich doch geschafft hatte, sich zu lösen und endlich darüber zu stehen. 

Das nächste Mal, falls es kommt, wird der gleichgültig schweifende Blick über das Display nicht verweilen, Augenbrauen werden regungslos bleiben und die Nachricht in der Bedeutungslosigkeit verschwinden, genau wie Erlebtes, Gesagtes und Gedachtes. 

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